Aufregende Recherche

Recherchen in Bibliotheken sind zuweilen richtig aufregend. Ich meine hier nicht die im Online-Suchportal. Die kann auch interessant sein. Nein, was ich meine, ist die Recherche vor Ort, ist das Durchforsten von Zettelkatalogen. Die gibt es zwar in immer weniger Bibliotheken, in der des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum sind sie nach wie vor eine wichtige Quelle – und nicht selten eine wahre Fundgrube. Letzthin stieß ich beim Stöbern im 18. Jahrhundert auf folgenden Titel: Eine Auswanderung von Tirolern nach Amerika 1709.
Das hatte zwar nichts mit meinem Recherche-Thema zu tun, aber ich wurde neugierig und ließ mir das Buch kommen. Im entsprechenden Beitrag erfuhr ich zwar nicht, um wie viele Auswanderer es sich handelte, allerdings waren es genug, um den Kaiser zu alarmieren. Er wandte sich nämlich mit einem Brief an seine Beamtenschaft, in dem er Genaueres über die Ursachen der Auswanderung wissen wollte und um Vorschläge „zur Eindämmung und Verhinderung dieser Erscheinung“ ersuchte. In des Imperators Augen warf ein solches Verhalten der Untertanen nämlich ein schlechtes Licht auf den Regenten, ließ vermuten, er würde sich zu wenig um sie kümmern. Zudem hegte er die Befürchtung, die Emigranten würden geradewegs in ihr Verderben reisen.
Die Aufforderung seiner Kaiserlichen Hoheit, Bericht zu erstatten, verlief offensichtlich im Sande. „Die Auswanderer sind jedenfalls nach Amerika abgefahren; es hätte sie daran wahrscheinlich auch kein Bericht oder Gutachten mehr gehindert“, resümiert lapidar der Verfasser des Beitrags, ein gewisser J. Kraft. Immerhin fand er dieses Ereignis so bemerkenswert, dass er 1917, also mehr als 200 Jahre später, einen Beitrag darüber verfasste – jenen Beitrag, den ich keine weiteren 100 Jahre später voller Neugier zu lesen begann. Der Erkenntnisgewinn mag marginal erscheinen, aufregend war es allemal.

Ergänzend zu meinem Beitrag hier der Link zu einem Interview, das Dieter Tausch, Vorstand des Verbandes der Antiquare Österreichs, mit Roland Sila, Kustos der Bibliothek des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeums, geführt hat. Es gibt u.a. Einblicke in die Geschichte der Bibliothek, in die Sammlungspolitik sowie den Aufbau des Fischnaler’schen Zettelkatalogs, der auch meine Recherchen sehr oft wesentlich vereinfacht hat – und neue angeregt hat.

 

2 Gedanken zu „Aufregende Recherche

  1. Daniela

    Die Sorge des Kaisers damals sollte auch heute die Sorge unserer Staatsherrschaften sein – hab erst kürzlich gelesen, dass zu viele gut gebildete Österreicher auswandern und anderswo ihr Wissen einsetzen. Da bist du nicht von ungefähr bei der Recherche hängen geblieben 🙂

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