Canale Mussolini

Es gibt vieles, was ich an (belletristischen) Büchern liebe – zum Beispiel, dass sie mir Geschichte erzählen. Letzthin habe ich Antonio Pennacchis Roman „Canale Mussolini“ gelesen.
Anhand der Familie Peruzzi erzählt der 1950 geborene Schriftsteller von der Umsiedlung Tausender Bauern aus den ärmlichen Regionen Venetiens in die Pontinischen Sümpfe südlich von Rom, die ab 1928 durchgeführt wurde.
Der faschistische Diktator Benito Mussolini ließ die Sümpfe mithilfe eines ausgeklügelten Entwässerungssystems und einem zentralen Kanal, dem Canale Mussolini, trockenlegen. Neues Agrarland wurde gewonnen, am Reißbrett entworfene Städte wurden errichtet. Rund 30.000 Menschen, großteils verarmte Kleinbauern, hofften, der Armut zu entfliehen und nutzten die Chance eines Neuanfangs. Auch die Großfamilie Peruzzi, die sich zunächst dem sozialistischen Gedankengut verbunden fühlt, dann aber zu einer getreuen Anhängerin des Duce wird. Die Peruzzis stoßen den Leser mitten hinein in den Alltag im faschistischen Italien.
Pennacchi erzählt diesen Alltag so mitreißend detailreich und fantasievoll und gleichzeitig so nah an den realen Ereignissen der Zeit, dass ein historisches Panorama entsteht, wie kein Geschichtsbuch es je zeichnen könnte – finde ich.
„Der Hunger. Der Hunger war’s, weshalb wir hierher gekommen sind. Warum denn sonst? Wäre der Hunger nicht gewesen, wir wären fortgeblieben. Das war unser Zuhause. Warum sollten wir hierherkommen? Dort waren wir schon seit jeher, und dort waren all unsere Verwandten. Wir kannten jeden Winkel des Orts und jeden Gedanken unserer Nachbarn. Jede Pflanze. Jeden Kanal. Was hätte uns dazu bringen sollen, hierherzukommen?“damit beginnt der Roman.
Antonio Pennacchi: Canale Mussolini, Hanser Verlag 2012

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4 Gedanken zu „Canale Mussolini

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