Kategorie-Archiv: Kunst und Kultur

Kunst und Kultur

Kritzeleien an der Wand

Ich bin eine Fußgängerin. Durch Städte streife ich am liebsten zu Fuß. Das ist der Rhythmus, der mir liegt. Er gibt mir Zeit zu beobachten, zu entdecken, wahrzunehmen. Denn es ist doch so: Auf Strecken, die wir häufig benutzen, lässt unsere Aufmerksamkeit nach. Vieles registrieren wir gar nicht mehr. Und das ist schade.
Wenn ich aber Zeit habe, wenn ich flaniere, spaziere, schlendere, nicht eile oder hetze, dann ist mein Blick offen und die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich Dinge bemerke, die ich sonst übersehe.
Viel zu selten habe ich den Fotoapparat dabei und Handyfotos sind nur ein schwacher Ersatz. Heute bin ich bewusst an jener Parkmauer in Innsbruck entlangspaziert, an der ich in den letzten Wochen immer wieder Schnappschüsse von Kritzeleien gemacht habe. Sie sind kaum zu ignorieren, so satt sind ihre Farben, so geradeheraus ihre Botschaft.
Viele halten solche Aufschriften für Geschmiere, Sachbeschädigung gar, und im rechtlichen Sinne sind sie das wohl; ein Ärgernis.
Mir aber erzählen sie etwas – über den (oder die), der sie an die Wand gesprüht hat, über unsere Gesellschaft. Sie lassen mich innehalten, bringen mich zum Nachdenken, manchmal zum Schmunzeln. Sie sind Teil urbanen Lebens und eigentlich nicht wegzudenken. Solche Botschaften tauchen immer wieder auf, hier und dort, in unterschiedlichen Ausformungen – von unterschiedlichen Erzählern.
Über die schmucken Graffitis von HNRX habe ich vor Längerem gebloggt. Nun einmal eine ganz andere Variante, ich nenne sie mal Inschriften – solche mit gesellschaftspolitischem Anspruch aber ohne künstlerischen. Kondensate. Schnörkellos und direkt.

Fotos: © Susanne Gurschler

 

Fünf Buchempfehlungen

 

Trotzdem das Jahr 2016 ein sehr arbeitsreiches war, habe ich wieder viel gelesen. Nicht so viel, wie ich gerne hätte, muss ich zugeben: Im Regal warten noch einige tolle Bücher darauf, endlich in die Hand genommen zu werden und meine Bücherwunschliste wird auch nicht kürzer. – Aber eigentlich kenne ich es nicht anders: Wann hätte ich schon jemals genug gelesen?

Folgende fünf Bücher haben es mir heuer aber besonders angetan, mich besonders bewegt, mich aufgewühlt und nachhaltig beeindruckt – und daher empfehle ich sie besonders gerne weiter:

Sabine Gruber_Daldossi_C.H.Beck1. Sabine Gruber: Daldossi oder Das Leben des Augenblicks
Wenn ich nach einem Buch längere Zeit brauche, um ein Neues anzufangen, weil ich so verhaftet bleibe, dass ich nichts mehr lesen möchte, was mich nicht mindestens genauso packt, dann hat ein Buch meine Seele nicht nur berührt, sondern gefangen genommen. Sabine Grubers Daldossi hat das geschafft. Der Kriegsfotograf Bruno Daldossi war in vielen Krisenregionen dieser Welt. Er war in Tschetschenien, Afghanistan und im Irak; nichts, was er nicht gesehen, nicht erlebt hätte. Nun zieht er sich zurück, doch die Erlebnisse haben sich in seine Seele gefressen; von seiner Langzeitfreundin Marlis verlassen, kommt er nicht mehr an im Alltag, im „normalen“ Leben.
Wie immer profund recherchiert und sprachlich ein Hochgenuss (für mich ist Sabine Gruber eine der exzellentesten Autorinnen deutscher Sprache) intelligent konzipiert, hervorragend komponiert, sensibel und differenziert im Umgang mit einem so kontroversiell diskutierten Thema wie der Kriegsberichterstattung. Für mich das wichtigste Buch 2016.
Sabine Gruber: Daldossi oder Das Leben des Augenblicks. Roman. C.H. Beck

Winkler_Blauschmuck_Suhrkamp2. Katharina Winkler: Blauschmuck
Was mir lange nicht mehr passierte: Hier war es so weit. Ich habe das Buch in die Hand genommen und konnte es nicht mehr weglegen. In einem durchgelesen, schlaflos wach gelegen, so aufgewühlt war ich. Habe hier bereits geschwärmt.
Katharina Winkler: Blauschmuck. Roman. Suhrkamp

 

Weidenholzer_Seesterne_MatthesundSeitz3. Anna Weidenholzer: Weshalb die Herren Seestern tragen
Schon „Der Winter tut den Fischen gut“ war – wie ich hier geschrieben habe – einfach wunderbar. Nun also der zweite Roman. Im Zentrum steht der pensionierte Lehrer Karl, der sich eines Tages aufmacht, um das Glück zu suchen. Er lädt sich den Fragebogen aus dem Internet herunter, den das Königreich Bhutan verwendet, um das „Bruttonationalglück“ seiner Einwohner zu eruieren, adaptiert ihn und reist an einen Skiort. Doch die Einwohner sind nur mäßig interessiert daran, seine Fragen zu beantworten, die Gespräche driften ab, die Grenzen zwischen Fragendem und Befragten verschwimmen rasch.
Weidenholzers hat ein unglaubliches Gespür für die so genannten einfachen Leute, für das, was diese bewegt. Man mag ihre Protagonisten, sie mag sie. Die Alltagssprache, die Weidenholzer verwendet, ist nur scheinbar schlicht: die Autorin entwickelt nämlich einen beeindruckend komplexen Roman, getragen von einem sensiblen Blick für die Nöte und Sorgen der kleinen Leute.
Anna Weidenholzer: Weshalb die Herren Seestern tragen. Matthes & Seitz

Gardam_Filth_HanserBerlin4. Jane Gardam: Ein untadeliger Mann. Eine treue Frau. Letzte Freunde
Die „Old Filth Trilogie“ um den durch und durch untadeligen Anwalt Edward Feathers, genannt Old Filth, seine Frau Betty und seinen Rivalen Terry Veneering, Bettys große Liebe, habe ich in einem Schwung gelesen. Der erste Roman erzählt die Geschichte der Eheleute Edward und Betty Feathers überwiegend aus der Sicht von Old Filth, „Eine treue Frau“ aus der Sicht Bettys und der dritte Teil widmet sich der Perspektive Terry Veneerings.
Gardam offeriert dem Leser immer wieder neue Blickwinkel auf die Ereignisse, zeigt die Erinnerungen ihrer Protagonisten in ihrer Lückenhaftigkeit – ein Lesegenuss hoch drei, hintersinnig und humorvoll. Ganz großes Kino. Die Kritik hat sich überschlagen, völlig zu Recht. Unbedingt lesen.
Jane Gardam: Ein untadeliger Mann. Eine treue Frau. Letzte Freunde. Aus dem Englischen übersetzt von Isabel Bogdan. Hanser Berlin

Jaeger_Schnee_Randomhouse5. Gerhard Jäger: Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod.
Im Auto darf es gern ein Krimi sein. Und so habe ich bei Gerhard Jägers „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ zur Hörbuchfassung gegriffen. Und was soll ich sagen: Packend von der ersten bis zur letzten Hörminute, wie Jäger die Geschichte um den jungen Historiker Max Schreiber entwickelt, der im Jahr 1950 in ein Tiroler Bergdorf kommt, um die Geschichte einer Hexe zu erforschen. Die Dorfgemeinschaft reagiert misstrauisch, ja ablehnend, auf den Mann, der im Vergangenen wühlt. Schreiber sieht sich zusehends isoliert, nicht einfacher macht die Situation, als er sich in die junge, stummer Maria verliebt.
Als ein Bauer unter dubiosen Umständen ums Leben kommt, gerät Schreiber unter Mordverdacht. Er flieht, seine Spur verliert sich, nur seine Aufzeichnungen bleiben zurück. 50 Jahre später macht sich ein alter Mann auf, die Wahrheit über Schreiber und den Mord zu erfahren und stößt auf das Manuskript des Historikers.

„Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ ist unglaublich eingängig, sprachgewaltig, sehr atmosphärisch und überaus spannend. Genau das Richtige für längere Autofahrten!
Gerhard Jäger: Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod. Hörbuch gelesen von Peter Matic und Manuel Rubey. Random House

Werner_Am Hang_S. FischerAus traurigem Anlass wieder auf meinem Büchertisch: Markus Werner, der im Juli 2016 gestorben ist. Ein für mich unglaublich wichtiger und herausragender Autor: Er begleitet mich seit meiner Studienzeit. Sieben Romane hat Markus Werner geschrieben: „Zündels Abgang“, „Froschnacht“ (im Innsbrucker Bierstindl als Theaterstück auf die Bühne gebracht. Was für ein Ereignis!), „Die kalte Schulter“, „Bis bald“, „Festland“, „Der ägyptische Heinrich“ und – zuletzt – „Am Hang“, erschienen 2004. Wie habe ich seine Figuren geliebt. Es stimmt mich traurig, dass eine so gewichtig leise, tiefgründig literarische Stimme ist nicht mehr ist.

Und nun würde mich natürlich interessieren: Welche Bücher würdest Du empfehlen?

 

Franz Marc Museum

 

Letztes Wochenende auf der Heimfahrt vom Textilmarkt in Benediktbeuern, nutzte ich die Gelegenheit, im „Franz Marc Museum“ vorbeizuschauen. Eine rundum gute Entscheidung: Just an diesem Wochenende wurden zwei Sonderausstellungen eröffnet: Michaela Melián – „Heimweh. Else Lasker-Schüler, Jussuf Prinz von Theben“ und „Franz Marc – Zwischen Utopie und Apokalypse“. Weiterlesen