Siegfried und Peter

Briefwechsel Siegfried Unseld und Peter Handke Hörbuchfassung speak low 2013Ich bin eine leidenschaftliche Hörerin. Die Ö1-Hörspiele – Hörbilder am Samstagvormittag und Hörspiel-Galerie am Samstagnachmittag – sind mir quasi Pflichttermin, wobei ich die Möglichkeit des Nachhörens  im Rahmen von 7 Tage Ö1 sehr zu schätzen weiß.
Natürlich besitze ich eine erkleckliche Zahl an Hörbüchern. Und wie bei den Büchern heißt die Devise auch hier: Ich kann einfach nicht genug davon haben. Mein derzeitiges Hörblatt ist der Briefwechsel von Peter Handke und Siegfried Unseld, gelesen von Jens Harzer und Ulrich Noethen, kommentiert von Raimund Fellinger, dem Cheflektor des Suhrkamp Verlags.
Es ist einfach fantastisch, den Austausch des legendären Suhrkamp-Leiters Unseld mit dem österreichischen Schriftsteller Handke anhand ausgewählter Briefe aus den Jahren 1965 bis 1999 zu verfolgen – von den ersten, noch in sehr geschäftlichem Ton gehaltenen Briefen bis hin zum freundschaftlichen Austausch, der sich im Laufe der Zeit entwickelte. Die Freundschaft war nicht immer ungetrübt.
Der äußerst sensible Handke findet durchaus harsche Worte, wenn er sich zu wenig umhegt und gepflegt sieht. Unseld wiederum erweist sich als souverän und einfühlsam, auch wenn es darum geht, den Künstler zu beschwichtigen, Missverständnisse aufzuklären. Man erhält Einblick in die Persönlichkeit der beiden unterschiedlichen Charaktere und ganz nebenbei in den Buchmarkt, in Verlegerstrategien und Autorenkalkül, in den Werdegang eines großen Schriftstellers in einem großen Verlag.
Dieses Hörbuch, es ist ein wahnsinniger Genuss, ich kann einfach nichts als eine riesen Freude empfinden. Zuletzt habe ich eine längere Fahrt genutzt, um die 4 CDs – Gesamtlaufzeit immerhin fünf Stunden – in großen Schwüngen zu hören. Ganz ehrlich: Ich habe gleich wieder von vorne begonnen. Ich sehe die Briefe diktierende Verlegerlegende Unseld genauso bildlich vor mir, wie den über ein Blatt Papier gebeugten Peter Handke; dazu die Erläuterungen von Raimund Fellinger. Einfach rundum gelungen diese Hörbuchfassung.
Und irgendwie erfüllt mich Wehmut beim Gedanken, dass Briefe schreiben heute keinen Stellenwert mehr hat, dass Kommunikation über E-Mail, SMS und/oder Twitter stattfindet und es solche Publikationen in einigen Jahrzehnten (oder gar früher) nicht mehr geben wird. Oder bin ich da zu pessimistisch? Sehe ich vielleicht zu schwarz und es gibt ihn immer noch und weiter, diesen intensiven schriftlichen Austausch zwischen Verlegerpersönlichkeiten, die Leidenschaft für die Literatur mit Geschäftssinn zu paaren wissen, und Autoren, deren Entwicklung, deren Werdegang man auch anhand ihres Briefwechsels mit ihrem Verleger noch einmal Revue passieren lassen kann?
Nimmersatt wie ich bin, habe ich mir bei der Buchhandlung meines Vertrauens gleich den Briefwechsel Siegfried Unseld und Thomas Bernhard bestellt; wiederum als Hörbuch. Zwischen diesen beiden soll es weit häufiger geknirscht haben als zwischen Unseld und Handke. Ich bin gespannt.

 

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