Der Distelfink

Donna Tartt_Der Distelfink_©goldmannIch bin erst am Anfang, aber ich kann nicht anders. Wenig habe ich gelesen, genau genommen etwas über 100 Seiten. Da lässt sich noch nicht viel sagen bei einem 1000-Seiten-Roman, oder?  Doch – eigentlich schon. Denn es ist nicht irgendein Roman, es ist „Der Distelfink“, der neue von Donna Tartt. Und deren Bücher sind immer ein Ereignis für mich, eines auf das ich warte, sehnsüchtig, gespannt. Jahre lang, lange Jahre. Donna Tartt veröffentlicht wenig. Alle zehn Jahre einen Roman kriege ich zu lesen. Aber was für einen!
„Die geheime Geschichte“, „Der kleine Freund“ – Ich habe sie verschlungen, ins Regal gestellt, wieder herausgeholt, wieder gelesen. Zwei Bücher, die ich nicht hergeben würde, die ich nicht missen möchte. Nun: „Der Distelfink“ – Oh, er lässt sich langsam an, er lässt sich gut an. Donna Tartt ist keine, die auf den schnellen Effekt baut, darauf, die Geschichte voranzutreiben, wie man es heute so braucht, in dieser schnellatmigen Zeit: Coffee to go, Eat to go. Alles to go. Fastfood. Und dann kommt sie und entwickelt eine Geschichte, ja sie entwickelt sie, mit Ruhe, mit einem ungeheuren, einem geradezu ungeheuerlichen Blick für die Details, einer wunderbaren Sprache. Ein ganzes Universum. Und ehe ich mich versehe, bin ich gefangen, kann nicht mehr auslassen, will nicht. Ich lese Satz für Satz, Seite für Seite wie ein kostbares Geschenk. Immer wieder innehalten, nachdenken darüber: Was hat sie erzählt auf den letzten fünf, auf den letzten zehn Seiten? – Eine Szene, eine winzig kleine Szene, so packend, dass ich mich mittendrin wähne. Theo – ich lebe mit ihm, ich fühle mit ihm, ich gehe mit ihm. Ich bin an seiner Seite, Seite für Seite. Auch die kommenden 900 Seiten, garantiert.
Donna Tartt „Der Distelfink“ – gerade einmal 100 Seiten gelesen, sage ich: LESEN!

„Ich ging zurück in ihr Schlafzimmer und tippte mit zitternden Händen die Nummer ihres Mobiltelefons ein, so hastig, dass ich mich vertat und noch einmal von vorn anfangen musste. Aber sie meldete sich nicht; die Mobilbox schaltete sich ein. Ich hinterließ eine Nachricht (Mom, ich bin’s, ich mache mir Sorgen, wo bist du?), und dann setzte ich mich auf ihre Bettkante und legte den Kopf in die Hände.“

Donna Tartt: Der Distelfink. Ins Deutsche übertragen von Rainer Schmidt und Kristian Lutz. Goldmann Verlag 2013, S. 86.

 Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der BuchBlogParade „12 Bücher in 12 Monaten“, zu der die Journalistin und Autorin Eva Maria Nielsen aufgerufen hat. Ein Mal pro Monat – und zwar immer am 12. (Ich weiß, ich weiß: Wieder einmal spät dran!) – präsentieren die TeilnehmerInnen ihr persönliches Buch des Monats. Wer sonst noch an der Blogparade teilnimmt, ist hier zu finden.

 

2 Gedanken zu „Der Distelfink

  1. Alex Lackner

    Ha, ich bin Dir so dankbar für diesen Eintrag Susanne! Ich hab „Die geheime Geschichte“ an der Schwelle zum Erwachsenwerden verschlungen… Du weisst ja sicher wie es ist wenn man gewisse Bücher oder Platten mit gewissen Ereignissen oder Lebensphasen verbindet – und genau so ein Buch war „Die geheime Geschichte“ für mich! Ihren zweiten Roman hab ich verpasst (was bei den Abständen ihrer Veröffentlichungen schon mal passieren kann) aber „The Goldfinch“ (hab’s auf Englisch gekauft) hab ich bereits seit einigen Monaten daheim liegen und freu mich schon wie ein kleiner Distelfink darauf! 🙂 Ich warte nur noch auf den geeigneten Zeitpunkt damit anzufangen, und ich schätze das wird irgendwann im Winter in Innsbruck sein – vielleicht können wir uns ja dann sogar mal persönlich über das Buch austauschen 🙂 Liebe Grüsse und viel Freude an den kommenden 800 Seiten wünsch ich Dir!

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    1. Susanne Gurschler Beitragsautor

      Bin schon ein einige Hundert Seiten weiter. Immer noch eine Wucht – wie nicht anders erwartet. Du darfst Dich also weiterhin wie ein Distelfink drauf freuen. Und ich bin da, also in Innsbruck 😉 .

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