Vom Rande her

Eine Gesellschaft von den Rändern her betrachten und beschreiben, die Idee ist nicht neu. Kommt aber – so empfinde ich es zumindest – in letzter Zeit besonders häufig.
Oder ich hatte einfach das Glück, binnen kürzester Zeit auf drei wirklich ganz und gar großartige Projekte zu stoßen, die genau das tun: eine Gesellschaft vom Rande her erfassen. Eines ist in Buchform erschienen, eines als Film, eines ist im Anlaufen. Also der Reihe nach.

1. Das Buch

Wolfgang Freitag: Wo Wien beginnt. Eine Erkundung der Stadt vom Rande her. Metroverlag 2015.
Tipp einer Freundin, die weiß, dass ich Reportagen liebe.

Freitag ist kein Unbekannter, zumindest Leser der Tageszeitung „Die Presse“ kennen ihn als „Stadtbild“-Kolumnist und als Redakteur bei der – wunderbaren – Samstagsbeilage „Spectrum“. Freitag ist die Grenzen der Stadt Wien abmarschiert und hat dokumentiert, worauf und auf wen er dabei gestoßen ist.

Freitag_Wien_Metroverlag_Foto gurschler

Er steigt in den Wienerwaldtunnel, in dem die Grenze zwischen Wien und Niederösterreich markiert ist und wandelt auf dem Zentralverschiebebahnhof. Er besucht das Umspannwerk Wien-Ost und die Schießstätte Süßenbrunn, spaziert durch eine Bio-Gärtnerei und steht auf der Deponie Langes Feld.
Zwanzig Orte bzw. Nicht-Orte sind es. Wie aus der Zeit gefallen nicht nur sie, auch die Menschen, die er dort, in der Peripherie, antrifft. Etwa Edgar Jaindl, der über die ehemalige Hammerbrot-Fabrik wacht oder Bernd Ruthner, der allein auf dem Areal des aufgelassenen Senders Bisamberg lebt.

Freitag erzählt schnörkellos, die Atmosphären ergeben sich aus seinen Gesprächen mit den Anwesenden, aus seinen detailverliebten Beobachtungen, aus seinen trockenen Beschreibungen. Herrlich zu lesen.

2. Der Film

Gianfranco Rosi: Sacro GRA – Das andere Rom. Italien 2013; 93 min.
Ein regenreicher Tag spülte mich in den Innsbrucker Cinematograph.

Die Beschreibung des Dokumentarfilms „Sacro GRA“ klang vielversprechend: Rom vom Rande her erzählt, der 70 km langen Autobahn, die die Stadt umkreist, wie die Ringe den Saturn.
Drei Jahre lang tingelt Regisseur Gianfranco Rosi über den „Grande Raccordo Anulare“ (GRA), die Große Autobahn-Ringverbindung.

Sacro GRA_Filmplakat_Foto ©susannegurschler

In ihrem Umfeld findet er seine Figuren: in einem seelenlosen Hochhaus, in einem abgewrackten Wohnmobil, auf einem Fischerboot, in einem alten Palazzo, in einem Palmenhain. Er porträtiert Menschen, denen er begegnet, und il GRA in eindringlichen Bildern.

Da ist der Adelige mit Pferdeschwanz, der in seiner goldenen Badewanne liegt und an der Zigarre nuckelt, während nebenan ein Fotoromanzo geknipst wird. Oder der alte Mann, der, eingeklemmt in eine Wohnung kaum größer als eine Schuhschachtel, über das Leben philosophiert. Oder die zwei alternden Nutten, die in ihrem abgetakelten Wohnwagen sitzen, essen, rauchen, warten. Der Fischer, der sich um die Aalbestände sorgt. Schließlich der Biologe, der vorsichtig die Palmenstämme im Hain anbohrt, um hineinzuhorchen, ob sich die Käfer schon eingenistet haben, die die Pflanze töten werden. Und der sagt, Palmen hätten die gleiche Form wie die Seelen der Menschen.

„Sacro GRA“ ist ein trauriger Film und doch voller komischer Momente, mit einem liebevollen Blick für die Menschen am Rande der Gesellschaft. Ein beeindruckender Film.
Kein Wunder, dass er 2013 den Goldenen Löwen erhielt in Venedig.

3. Das Kunstprojekt

Lisa Nussmüller und Laura Masuch: Ver-ortete Geschichte(n).
Da verfing sich mein Blick in einer Ankündigung auf Facebook.

Es geht um das Kunstprojekt „Ver-ortete Geschichte(n)“ im Rahmen der „stadt_potenziale“* in Innsbruck. Lisa Nussmüller und Laura Masuch suchen Orte, Gebäude, Leerstellen in Innsbruck Stadt und Land, die kaum oder gar keine Beachtung finden. Randzonen, die aus dem Blickfeld gerutscht sind.

Leerstand1_©susannegurschler

Die beiden wollen solche Orte aufspüren, sichtbar machen, ver-orten, indem sie die Geschichte, die Geschichte drum herum erzählen. „Durch Gespräche/Interviews ‚vor Ort’ mit ZeitzeugInnen und aktuellen NutzerInnen/AnrainerInnen und Recherche historischer Quellen werden Informationen, Geschichten und Leben des Ortes dokumentiert und aufbereitet“, schreiben Nussmüller und Masuch auf www.verortete-geschichten.net. Eine großartige Idee.

Und das Tolle: jede, jeder kann einen Ort vorschlagen.
Ich habe schon einen. Es handelt sich um ein augenscheinlich leerstehendes Haus Ecke Kaufmannstraße/Dr.Glatz-Straße. Gleich dahinter befindet sich eine alte Lagerhalle. Bin gespannt, was es über diesen Ort zu erzählen gibt.

Leerstand 2_©susannegurschler

*„stadt_potenziale“ ist eine Förderschiene für zeitgenössische Kunst- und Kulturprojekte der Stadt Innsbruck.

 

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