Der Winter tut den Fischen gut

Weidenholzer-Der Winter tut den Fischen gut ©Residenz VerlagIch weiß, ich weiß: Der 12.* war vorgestern – aber Buchtipps verderben ja nicht.
Diesmal also: „Der Winter tut den Fischen gut“ von Anna Weidenholzer (Residenz Verlag).

Vor etwas mehr als einem Jahr war die junge Oberösterreicherin zu Gast bei der ersten Auflage des Literaturfestivals „achensee.literatour“ in Achenkirch. Weidenholzer las aus ihrem Roman „Der Winter tut den Fischen gut“. Zwei Dinge nahmen mich sofort gefangen: das Thema und die Sprache.
Es geht um Arbeitslosigkeit. Ein zentrales Thema in der heutigen Zeit und doch so wenig präsent in der zeitgenössischen Literatur. (Warum eigentlich?)

Maria ist Ende 40 und bis vor zwei Jahren war sie Textilfachverkäuferin in einem Geschäft. Sie hat ihren Job immer gut gemacht, aber dann sagt Herr Willert, ihr Arbeitgeber, der Boutique gehe es nicht gut. Er sagt: „Maria, wir werden uns von Ihnen trennen, es tut mir leid, wir können Sie nicht mehr halten.“ Seit 19 Jahren arbeitet sie für Herrn Willert, sie ist die älteste Mitarbeiterin, die erfahrenste. Aber sie ist es, die gehen muss. „Sie haben noch viele Jahre vor sich, freuen sie sich, es ist nicht selbstverständlich, in diesem Alter noch die Möglichkeit zu bekommen, sein Leben neu zu gestalten“, sagt dessen Sohn.
Maria steht plötzlich ohne Job da und ohne Perspektive. Mitten im Leben plötzlich an den Rand gedrängt. Ein Mensch mit viel Zeit und immer weniger sozialen Kontakten. Ein Mensch, der den Tag durchstrukturiert und Selbstoptimierungsbücher liest. Da stehen so Sätze drin wie: „Fangen Sie sofort an, viel zu machen. Und denken Sie daran, dass zwischen Erfolg und Misserfolg die Konsequenz entscheidet, mit der Sie Dinge tun.“
Ein Mensch, der versucht, seine Würde zu bewahren.
„Können Sie sich vorstellen, in einer anderen Branche zu arbeiten, in einer Parfümerie zum Beispiel, im Lebensmittelhandel, in der Feinkost. Maria schüttelt heftig mit dem Kopf, nein, sagt sie, ich möchte nicht im Lebensmittelhandel arbeiten, nicht mit Wurst. Ich weiß, sagt der Berater, die wenigsten möchten in den Lebensmittelbereich wechseln, aber Sie wissen Frau Beerenberger, dass ich Ihnen auch eine Stelle als Reinigungskraft vermitteln kann. Wir müssen uns die Frage stellen, was Ihre Defizite sind.“ Man würde am liebsten das Buch beiseite legen und dem jungen, blasierten Berater im Arbeitsmarkservice eine scheuern, so treffen einen die Wörter, die nadelspitz daherkommen.

„Der Winter tut den Fischen gut“ ist trotzdem kein deprimierender Roman, sondern einer, der mit viel Feingefühl, mit einem klaren Blick für die kleinen Katastrophen aber auch die kleinen Glücksmomente, ein „einfaches“ Leben nachzeichnet, und mit sehr viel trockenem Humor auskleidet – so war etwa Marias verstorbener Mann leidenschaftlicher, wenn auch wenig erfolgreicher, Elvis-Imitator.
Weidenholzer packt Marias Leben in eine schnörkellose Sprache, geradlinig, schlicht und gleichzeitig äußerst prägnant. Sie bleibt dabei ganz nahe bei Maria, die immer ein bisschen wie aus der Zeit gefallen scheint, als würde sie nicht so recht verstehen, was passiert, mit ihr passiert. Weidenholzers Sprache nimmt einen ein, lässt einen vollends hineinfallen in Marias Welt und man ist ihr beim Lesen so nahe, dass man zuweilen meint, ihren Atem zu spüren.

„Der Winter tut den Fischen gut“ ist ein beeindruckendes Buch, ein wichtiger Stoff, verpackt in eine berührende Geschichte, in einer fein gewebten Sprache.

„Das Schöne am Verkleiden ist, dass es manchmal niemandem auffällt, denkt Maria, als sie auf der Straße einem schwarzen Hund begegnet, der weiße Flügel trägt.“
Anna Weidenholzer: Der Winter tut den Fischen gut. Residenz Verlag

* Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der BuchBlogParade „12 Bücher in 12 Monaten“, zu der die Journalistin und Autorin Eva Maria Nielsen aufgerufen hat. Ein Mal pro Monat – und zwar immer am 12. – präsentieren die TeilnehmerInnen ihr persönliches Buch des Monats. Wer sonst noch an der Blogparade teilnimmt, ist hier zu finden.

 

Ein Gedanke zu „Der Winter tut den Fischen gut

  1. Alex Lackner

    Danke, sehr interessanter Buchtipp! Ich lese viel zu wenig einheimische Autoren, weiss nicht woran es liegt, bin aber sehr dankbar für Tipps, gerade abseits des Mainstreams! LG

    Antworten

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