Ostende 1936

Ostende 1936_Weidermann ©DAVSo kann es gehen. Da habe ich schon seit längerem das Buch des Monats Juni im Kopf und dann steht es nicht im Regal. Nachdem mein Blick zunächst irritiert, dann suchend von Buchrücken zu Buchrücken geglitten ist, ist es mir wieder eingefallen. Ich habe „Der Winter tut den Fischen gut“ von Anna Weidenholzer verliehen. Das ist schon einige Zeit her. Und ich werde jetzt nicht darüber sinnieren, wie viele meiner Bücher in fremden Regalen stehen, wo sie doch eigentlich (wieder) bei mir sein sollten. Nein, das tue ich nicht. Ich ziehe einfach das Juli-Buch vor.
Das läuft derzeit, sobald ich den Autoschlüssel umdrehe, und wäre perfekt für eine längere Fahrt, etwa in den Urlaub – also im Juli genau richtig.
Aber was soll’s.
In meinem Auto läuft derzeit „Ostende 1936, Sommer einer Freundschaft“ von Volker Weidermann, gelesen von Ulrich Noethen.*
Im Sommer 1936 kommt im Badeort Ostende in Belgien eine Handvoll Literaten zusammen: Stefan Zweig und Joseph Roth – zwei Freunde, wie sie unterschiedlicher nicht sein können und die zentralen Figuren in Weidermanns wunderbarer, romanhafter Schilderung – Irmgard Keun, Egon Erwin Kisch, Hermann Kesten und einige andere mehr. Sie sind vom NS-Regime Verfemte. Ihre Bücher gelten als entartet, wurden verboten, verbrannt. Hier in Ostende sind sie gestrandet, hier schreiben, diskutieren sie. Weidermann fängt sie ein, zeichnet sie nach, die Sorgen und Nöte, die Hoffnungen und Wünsche dieser kleinen Exilgesellschaft.
Die Schriftsteller beobachten mit Sorge die Entwicklungen in Deutschland, wo sich das Regime gerade auf die Olympischen Spiele vorbereitet, sich rüstet, alle zu blenden. In Deutschland herrschen längst Gewalt und Terror, Willkür und Rassenwahn. Die, die hier in Ostende sitzen, wissen das und sie sind machtlos. Nach diesem Sommer werden sie auseinandergehen, sich in alle Winde zerstreuen.
Stefan Zweig etwa reist nach Südamerika, wo er sich 1942 mit seiner Frau Lotte das Leben nimmt. Joseph Roth stirbt 1939 völlig verarmt an den Folgen seines Alkoholismus. Irmgard Keun, seine letzte Liebe, kehrt 1940 illegal nach Deutschland zurück und stirbt 1982. Der „rasende Reporter“ Egon Erwin Kisch nimmt am Spanischen Bürgerkrieg teil, lebt bis nach dem Krieg in Mexiko, kommt 1946 nach Prag und stirbt dort zwei Jahre später.
„Ostende 1936, Sommer einer Freundschaft“ ist ein ganz wunderbares, ein bewegendes, ein verstörendes, ein durch und durch hörenswertes Hörbuch. Es weckt in einem das Bedürfnis die Bücher dieser Schriftsteller (wieder) zu lesen – allen voran Stefan Zweig und Joseph Roth, die in Ostende den letzten Sommer ihrer Freundschaft erlebten.

„Wieder einmal sitzen sie alle im Flore, diese Gesellschaft der Stürzenden, die in diesem Sommer noch einmal versucht, sich als eine Art Urlaubsgesellschaft zu fühlen.“
*
Volker Weidermann: Ostende 1936, Sommer einer Freundschaft. Gelesen von Ulrich Noethen. DAV/NDR Kultur 2014.

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der BuchBlogParade „12 Bücher in 12 Monaten“, zu der die Journalistin und Autorin Eva Maria Nielsen aufgerufen hat. Ein Mal pro Monat – und zwar immer am 12. – präsentieren die TeilnehmerInnen ihr persönliches Buch des Monats. Wer sonst noch an der Blogparade teilnimmt, ist hier zu finden.

 

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